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Vom Intellekt zur Intuition, Seite 128 ff. (engl.)
einer Gottheit entwickelt ... sozusagen eine Reaktion auf den Ansturm "des Göttlichen" auf das menschliche Denken, wie es sich unklar oder klar offenbart. Die primäre Tatsache ist die, dass das menschliche Denken vor einem Etwas steht, dessen Wesensart nur allmählich erfahren wird, das aber von Anfang an als eine transzendente Gegenwart, als das "Jenseitige" empfunden wird, auch wenn es zugleich als das "Innere" des Menschen erfühlt wird». [*U40]

Durch Aufmerksamkeit dem Lebenszweck gegenüber, durch Konzentration auf das Lebenswerk, durch reges Interesse an jenen Wissenschaften, welche die Aufmerksamkeit unserer besten Denker erwecken, und durch Meditation, wie sie von einigen wenigen auf religiösem Gebiet geübt wird, sind viele an einem Punkt angelangt, wo zweierlei geschieht: Die Vorstellung von etwas Heiligem, vom Sein, und von der Beziehung zu diesem Sein tritt als beherrschender Faktor in das Leben. Ausserdem beginnt dann das Denkvermögen eine neue Aktivität zu bekunden. Anstatt die von den Sinnen übermittelten Kontakte aufzuzeichnen und im Gedächtnis zu speichern und anstatt all jene Informationen aufzunehmen, die durch Bücher und das gesprochene Wort tagtäglich zukommen, wendet es sich neuer Erkenntnis zu und beginnt, neue Informationsquellen zu erschliessen. Instinkt und Intellekt haben das ihre getan; nun beginnt die Intuition ihre Rolle zu spielen.

Bis hierher hat uns die Meditationsarbeit geführt, die wir betrachtet, und wofür Gedächtnisschulung und Aufnahme von Weltwissen uns vorbereitet haben. All dies hatte seine Zeit. Für viele Tausende ist aber nun eine neue Bestrebung an der Reihe. Wäre es nicht denkbar, dass für all diese Seelen, die jetzt in die Welterfahrung hineingeboren werden, die alte Erziehungsmethode mit ihrer Gedächtnisschulung, ihren Büchern und Vorträgen, und mit ihrer Aneignung sogenannter Tatsachen unzureichend ist? Wenn ja, müssen wir für diese entweder eine neue Methode formulieren oder die jetzige Technik abändern, um so für die Neuorientierung des Denkvermögens Zeit zu gewinnen, wodurch es dem Menschen möglich wird, über mehr Wissensgebiete als bisher unterrichtet zu sein. Auf diese Weise werden wir die Wahrheit der Worte Mr. Chaplin's in seinem kleinen Buch DIE SEELE beweisen, nämlich dass «die körperlichen Prozesse ihre Bedeutung durch die Seele erlangen». [*U41]

Die Eroberung des Reiches der Seelen zeichnet sich dem Menschen in undeutlichen Umrissen ab. Der Zeitpunkt, an dem das Wort Psychologie seine ursprüngliche Bedeutung wieder erlangen wird, steht nahe bevor. Die Erziehung wird dann zwei Aufgaben haben. Sie wird einerseits den Menschen befähigen, seine weltlichen Kontakte mit grösstem Nutzeffekt zu handhaben und jenen Apparat intelligent zu gebrauchen, den zu erklären die Behavioristen sich so angestrengt haben; und sie wird ihn andererseits auch in jenes Reich einführen, von dem die Mystiker stets gezeugt haben und zu dem das richtig benützte Denkvermögen der Schlüssel ist.

Im vorigen Kapitel befassten wir uns mit der Methode, nach welcher der Mensch die Beherrschung seines Instrumentes, des Denkvermögens, beginnen und lernen kann, seine Gedanken auf ein gewähltes Thema oder auf eine Idee so zu konzentrieren, dass er alle äusseren Begriffsinhalte ausschalten und das Tor zur Erscheinungswelt vollkommen abschliessen kann. Wir werden nun erwägen, auf welche Art und Weise er sein konzentriertes Denken immer höher bringen kann (um in Ausdrücken der Mystiker zu sprechen), bis selbst das Denkvermögen versagt und er auf einem Gedankenhöhepunkt angelangt ist, von wo aus eine neue Welt erschaut werden kann. Der bis zu diesem Stadium fortgeschrittene Meditationsprozess war von intensiver Aktivität erfüllt, und es gab keinen Zustand der Ruhe, Negativität oder passiven Empfänglichkeit. Der physische Körper war vergessen und das Gehirn in einen Zustand positiver Empfangsbereitschaft versetzt worden, jederzeit aber zu neuer Tätigkeit bereit, falls das Denken seine Aufmerksamkeit wiederum abwärts wenden würde. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir beim Gebrauch solcher Worte, wie «aufwärts», «abwärts», «abwärts» und «tiefer» in Symbolen sprechen. Eines der ersten Dinge, die ein Mystiker lernt, ist, dass im Bewusstsein keine Dimensionen existieren und dass «innen» und «aussen», «höher» und «tiefer» nur bildliche Redewendungen sind, um gewisse Ideen über klar erkannte Gewahrseinszustände anzudeuten.

Der nun erreichte Höhepunkt bringt uns an die Schwelle des Transzendentalen, und von jetzt an gehen wir auf dem Boden der Hypothese weiter. Das Berührbare und das Objektive sinken zeitweilig in Vergessenheit und beschäftigen nicht länger unsere Aufmerksamkeit; auch Empfindung irgendwelcher Art ist nicht mehr unser Ziel. Jede Art Gefühl muss während dieser Zeit ausgeschaltet sein. Kleine Verdriesslichkeiten und dergleichen, ebenso Kummer und Sorgen werden vergessen, desgleichen auch Freude, denn wir suchen nicht die «Tröstungen der Religion». Die Aufmerksamkeit konzentriert sich im Denkvermögen, und die einzigen wahrgenommenen Reaktionen sind mentaler Art. Während der «Meditation mit einem Saatgedanken» oder einem Objekt hat das Denken das Bewusstsein beherrscht, jetzt aber muss sogar das verschwinden. Ein mystischer Schriftsteller drückt es so aus: «Wie soll ich das Denken aus dem Denkvermögen entfernen?» Denn da mein angestrebtes Ziel weder Empfindung noch Gefühl ist, ist es auch nicht das Denken. Hier liegt das grösste Hindernis für die Erlangung von Intuition und für den Zustand der Illumination. Es wird nicht mehr der Versuch gemacht, im Denkvermögen dauernd etwas festzuhalten, noch gibt es überhaupt etwas, das gründlich durchdacht werden soll. Vernunftschlüsse müssen beiseite gelassen werden, und die Ausübung einer höheren und bisher wahrscheinlich ungewohnten Fähigkeit muss an deren Stelle treten. Der Saatgedanke hat unsere Aufmerksamkeit in Anspruch genommen und unser Interesse erweckt, und dies hielt bis zur Überleitung in die Phase der Konzentration an. Diese verlängert sich in der Folge zur Kontemplation, deren Resultat die Erleuchtung ist. Hier haben wir eine kurze Zusammenfassung des ganzen Vorganges Anziehung (Attraktion), Interesse, konzentrierte Aufmerksamkeit und fortgesetzte, auf ein einziges Ziel gerichtete Betrachtung oder Meditation.

Worin bestehen nun die Resultate des Meditationsvorganges bis jetzt? Man kann sie wie folgt aufzählen:

1. Reorganisation des Denkvermögens und dessen neue geistige Einstellung.

2. Konzentration der menschlichen Aufmerksamkeit auf die Gedankenwelt anstatt auf die Empfindungswelt; der Anziehungskraft durch die Sinne wird der Boden entzogen.

3. Entwicklung der Fähigkeit, sich als Vorbereitung zur Meditation augenblicklich konzentrieren zu können und dann das Denkvermögen unverrückbar auf den erwählten Gegenstand konzentriert zu halten. Evelyn Underhill definiert diese Fähigkeit wie folgt:

«Wenn die vollkommene Konzentration, diese leidenschaftliche Einstellung des Selbstes auf einen einzigen Punkt, in der Einheit des Geistes und in den Banden der Liebe' auf reale und übersinnliche Dinge angewandt wird, dann stellt sie in der technischen Sprache der Mystik den Zustand der Meditation oder Sammlung dar und ... ist die notwendige Vorstufe zur reinen Kontemplation». [*U42]

III. DAS STADIUM DER KONTEMPLATION

Wir betreten jetzt einen Erkenntnisbereich, der durch zwei Dinge sehr beeinträchtigt wird: durch die Verwendung von Worten, die der Ausdrucksverleihung Grenzen setzen und sie verzerren, sowie durch die Schriften der Mystiker selbst, die obschon sie voller Wunder und Wahrheit sind vom Symbolismus ihrer Rasse und ihres Zeitalters, sowie von der Qualität ihrer Gefühle und ihrer Emotion individuell beeinflusst sind. Die Mystiker schwanken in der Regel zwischen Momenten höchster Erleuchtung oder Vision und den «nebligen Niederungen» intensiven Fühlens und Verlangens hin und her. Entweder erfahren sie die tiefe Freude und Ekstase der nur einen flüchtigen Augenblick dauernden Anschauung, oder die Pein des Wunsches nach Fortsetzung dieses Erlebnisses. In den meisten Fällen scheint es kein Gefühl der Sicherheit oder Gewissheit für eine Wiederholung zu geben, sondern nur ein Sehnen nach einem solchen Grad von Heiligkeit, dass dieser Zustand immer währen möchte. Auf Grund der uralten Praxis und ordnungsmässigen Meditation, die uns in letzter Zeit aus dem Osten zukam, scheint es möglich zu sein, dass man durch die Kenntnis der Methode und durch ein Verstehen des Vorganges sogar über die mystische Erfahrung hinausgelangen und Wissen über göttliche Dinge, sowie Einswerden mit der innewohnenden Gottheit nach Belieben erlangen kann. Die Menschenrasse besitzt nun die notwendige mentale Ausrüstung und kann dem Weg des Mystikers den des bewussten Intellektuellen hinzufügen.

Zwischen dem Zustand verlängerter Konzentration, den wir Meditation nennen, und dem der Kontemplation, der einer gänzlich verschiedenen Kategorie angehört, gibt es ein Übergangsstadium, das von den orientalischen Studenten «Meditation ohne Saatgedanken» oder «ohne Gegenstand» genannt wird. Es ist noch nicht Kontemplation; es ist aber auch kein Gedankenprozess mehr. Dieser ist vorbei, während das nachfolgende Stadium noch nicht erreicht wurde. Es ist eine Periode gedanklicher Beständigkeit und des Wartens. Fr. Nouet beschreibt diesen Zustand vielleicht ebenso gut wie jeder andere mit folgenden Worten:

«Wenn der Betende in der Meditation beträchtliche Fortschritte gemacht hat, geht er unmerklich auf Gefühlsgebet über, das zwischen Meditation und Kontemplation liegend, wie das Morgengrauen zwischen Nacht und Tag von beiden etwas besitzt. Anfänglich enthält es noch mehr von der Meditation, DENN ES BENUTZT NOCH IMMER VERNUNFTERKENNTNIS; ... nachdem es aber durch verlängerte Betrachtung und logisches Denken viel Licht erlangt hat, dringt es sogleich in den Gegenstand (der Betrachtung) ein und erschaut OHNE SCHWIERIGKEIT DESSEN GESAMTE ENTWICKLUNGEN. ... Von da ab lässt es in dem Masse wie es sich vervollkommnet das logische Denken beiseite». ... [*U43], Bd. IV, Kap. 1.

Wie wir gesehen haben, kann man die Unbeständigkeit der sich schnell bewegenden und feinfühlig reagierenden mentalen Substanz durch verlängerte Meditation in einen stabilen Zustand bringen.

Dies führt zu einem Denkzustand, der den Denker für Schwingungen und Kontakte aus der äusseren Erscheinungswelt und aus der Welt der Emotionen unempfänglich, und dadurch den Sinnenapparat, das Gehirn und das weitverzweigte ineinandergreifende Netzwerk, das wir Nervensystem nennen, passiv macht. Die Welt, in welche der, Mensch für gewöhnlich funktioniert, ist ausgeschaltet und doch bewahrt er gleichzeitig eine intensive mentale Aufmerksamkeit und behält eine scharfe Einstellung auf jene neue Welt bei, in der das, was wir Seele nennen, lebt und wirkt. Der wahre Meditationsstudent lernt es, mental hell wach zu sein und Phänomene, Vibrationen und Seinszustände kraftvoll wahrzunehmen.

Er ist positiv, tätig und voll Selbstvertrauen; Gehirn und konzentriertes Denkvermögen arbeiten harmonisch zusammen. Er ist nicht mehr der unpraktische Träumer, und doch wird die Welt praktischer, physischer Dinge zeitweilig ausgeschaltet. Wenn der Studierende von Natur aus kein positiver, mentaler Typus ist, sollte ein ernstes, beharrliches, intellektuelles Training (zur Erlangung mentaler Aufgewecktheit und Polarisation) samt praktischer Meditation aufgenommen werden, da sonst der Fortgang auf das Niveau emotioneller Träumerei oder negativer Leere absinken würde. Beide Zustände bringen die ihnen eigenen Gefahren mit sich und führen bei längerer Dauer dazu, den Menschen unpraktisch und für die täglichen Angelegenheiten unfähig und untüchtig zu machen. Sein Leben wird für ihn selbst und für andere immer nutzloser werden; er wird sich immer mehr in unkontrollierten, unvernünftigen Phantasien und emotionellen Schwankungen verlieren. Auf solchem Boden gedeiht dann leicht Egoismus und Psychismus.

Das positive, wachsame und gut kontrollierte Denkvermögen wird daher auf den Flügeln der Gedanken vorwärtsgetragen und dann stetig auf dem höchsten erreichbaren Punkt gehalten. Dadurch wird im Denkvermögen ein Zustand geschaffen, der dem im Gehirn bereits hergestellten analog ist. Es wird in einem Zustand der Erwartung gehalten, während das Bewusstsein des Denkers sich einem neuen Erkenntniszustand zuwendet und der Denker sich nicht dem wahren, inneren und geistigen Menschen identifiziert. Das, was technisch «wahrnehmendes Bewusstsein» genannt wird, wartet.

Diese beiden Meditationsstadien, das eine intensive Tätigkeit, das andere intensives Warten, wurden die Situation Martha's und Maria's genannt; durch diese bildliche Ausdrucksweise wird die Idee etwas klarer. Eine Periode der Stille, während der sich innerlich etwas vollzieht, und vielleicht der am schwersten zu meisternde Teil der Technik. Es ist so leicht, in die intellektuelle Aktivität, die zur gewöhnlichen Meditation gehört, zurückzugleiten, denn man hat Kontemplation noch nicht gelernt. Dr. Bennett beschreibt dieses Stadium in einigen Kommentaren über Ruysbroek; er sagt:

«Ruysbroek unterscheidet hier zwei Merkmale ,wahrer, Passivität: erstens wird sie "aktiv gesucht", das heisst, zu ihrer Aufrechterhaltung ist eine gewisse Anstrengung notwendig. Zweitens unterscheidet sie sich von der natürlichen oder automatischen Art von Entspannung durch die vorhergehende moralische Vorbereitung. ... Dieses erzwungene Warten, diese selbst auferlegte Empfänglichkeit das entscheidende Merkmal des Kontemplationsstadiums ist nicht das Ende der Laufbahn eines Mystikers; es ist wohl das Ende seiner Anstrengungen in dem Sinne, dass er mehr nicht tun kann; aber es ist dazu bestimmt, dem

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Last updated Saturday, February 14, 1998           © 1998 Netnews Association. All rights reserved.