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Vom Intellekt zur Intuition, Seite 40 ff. (engl.) |
unsere modernen Erziehungssysteme ausserordentlich entfaltet wurde, genau so ist
der Seelen-Typus das Produkt einer neuen mentalen Schulungsmethode, die dem
Individuum von seiner Seele auferlegt und von ihm durch einen Willensakt und aus
dem Forscherdrang heraus entwickelt wurde. Diese Seele ist in der menschlichen
Form immer latent gegenwärtig, wird aber erst durch Meditation zu nachweisbarer
Tätigkeit veranlasst.
Diese beiden Methoden, nämlich einerseits den Menschen auszufüllen und ihn auf einen Massenstandard zu bringen, andererseits das Hervorbringen des neuen Typus, der Seele, bilden die Hauptunterscheidungsmerkmale zwischen den westlichen und östlichen Erziehungsmethoden. Die Gegenüberstellung dieser beiden Entwicklungswege ist sehr lehrreich. Im Osten die sorgfältige Pflege des Individuums, während die Massen praktisch ohne jede Erziehung bleiben. Im Westen die Massenerziehung, wobei dem Individuum aber allgemein gesprochen keine besondere geistige und künstlerische Ausbildung zuteil wird. Jedes dieser beiden grossen, von einander abweichenden Systeme hat eine Zivilisation geschaffen, die ihre besondere Genialität und Schöpferkraft, aber auch ihre hervorstechenden Mängel zum Ausdruck bringt. Die Voraussetzungen, auf denen diese Systeme beruhen, sind sehr verschieden, und es wäre der Mühe wert, sie zu betrachten, denn im Verstehen und schliesslichen Vereinen dieser beiden liegt die Möglichkeit, den Weg in das Neue Zeitalter für die neue Menschenrasse zu finden. Erstens: Das östliche System basiert auf der Annahme, dass in jeder menschlichen Form eine Wesenheit - das Selbst oder die Seele genannt - wohnt. Zweitens: Dieses Selbst benützt die Form des menschlichen Wesens als sein Instrument oder Ausdrucksmittel und wird sich schliesslich durch die Gesamtsumme der mentalen und emotionellen Zustände manifestieren, wobei es den physischen Körper als Funktionsapparat auf der physischen Ebene benützen wird. Die Kontrolle über diese Ausdrucksmittel kommt schliesslich nach dem Gesetz der Wiederverkörperung zustande. Im Verlauf des Evolutionsprozesses (der sich über viele, in einem physischen Körper verbrachte Leben erstreckt) erbaut sich das Selbst allmählich ein brauchbares Instrument, durch das es sich manifestiert und das es beherrschen lernt. So wird das Selbst, die Seele, wahrhaft schöpferisch tätig, im höchsten Sinne selbstbewusst und in seiner Umwelt aktiv; es manifestiert sein wahres Wesen auf vollkommene Art. Schliesslich erlangt es die vollständige Befreiung von der Form und von den Banden der Wunschnatur, es gewinnt die Herrschaft über den Intellekt. Diese schliessliche Emanzipation und die sich daraus ergebende Verlagerung des Bewusstseinszentrums vom menschlichen in das geistige Reich wird durch eine besondere Ausbildung beschleunigt und gefördert, Meditationsprozess genannt, der einem umfassend und weise ausgebildeten Denkvermögen auferlegt wird. Das Resultat dieser intensiven individuellen Schulung war und ist ausserordentlich eindrucksvoll. Die östliche Methode ist die einzige, aus der die Gründer aller Weltreligionen hervorgingen, denn diese sind ausnahmslos asiatischen Ursprungs. Dieser Methode ist auch das Erscheinen jener inspirierten Heiligen Schriften, durch welche die Gedanken der Menschen geformt wurden, zuzuschreiben, und sie ist auch die Veranlassung für das Auftreten aller Welt-Erlöser - des Buddha, Christus, Zoroaster, Sri Krishna und anderer. Auf diese Weise hat der Osten infolge dieser besonderen Technik all die grossen Individualitäten hervorgebracht, die ihrem jeweiligen Zeitalter die besondere Note gaben, welche die zur Entfaltung der Gott-Idee im Denken der Menschen notwendige Lehre darlegten und so die Menschheit auf dem Pfad geistiger Wahrnehmung vorwärts führten. Das äussere Ergebnis ihrer Leben zeigt sich in den grossen organisierten Religionen. Über der Erziehung der hochentwickelten Individuen aber wurden die Menschenmassen ganz Asiens vernachlässigt, und das angewandte System lässt daher vom Standpunkt rassischer Entwicklung viel zu wünschen übrig. Die Mängel dieses Systems liegen in der Entwicklung visionärer unpraktischer Tendenzen. Der Mystiker ist meist unfähig, mit seiner Umwelt zurecht zu kommen; und dort, wo man den Nachdruck ausschliesslich auf die subjektive Seite des Lebens gelegt hat, wird die physische Wohlfahrt des Individuums und der Rasse vernachlässigt und übersehen. Die Massen werden ihrem Kampf gegen den Sumpf von Unwissenheit, Krankheit und Schmutz überlassen und daraus ergeben sich die im ganzen Orient herrschenden, beklagenswerten Zustände neben höchster geistiger Erleuchtung bei einigen Bevorzugten. Im Westen wird auf das Gegenteil Nachdruck gelegt. Das Subjektive wird nicht beachtet und als hypothetisch angesehen; die Tatsachen, auf denen unsere Kultur aufgebaut ist, sind folgende: Erstens ist da eine Wesenheit, Mensch genannt, der ein Denkvermögen, viele Emotionen und einen Reaktionsapparat besitzt, durch den er mit seiner Umwelt in Berührung kommt. Zweitens entsprechen sein Charakter und seine Neigungen der Qualität seines Apparates und seiner Denkkraft sowie den Eigentümlichkeiten der Umwelt. Das Ziel des Erziehungsprozesses - im Grossen und unterschiedslos angewandt - besteht darin, ihn physisch tauglich und mental behende zu machen, ihn mit einem geschulten Gedächtnis, beherrschten Reaktionen und einem Charakter zu versehen, der ihn zu einem sozialen und leistungsfähigen Wertfaktor im Wirtschaftskörper macht. Sein Denkvermögen wird als Speicher für mitgeteilte Tatsachen betrachtet und die jedem Kinde zuteil werdende Erziehung hat den Zweck, dieses zu einem sich selbst erhaltenden, anständigen und nützlichen Mitglied der menschlichen Gesellschaft zu machen. Das Ergebnis dieser Tatsachen ist das Gegenteil zu dem des Orients. Wir haben hier keine so besondere Geistesbildung, dass daraus so weltbekannte Gestalten, wie Asien sie hervorgebracht hat, erstehen könnten; wir haben jedoch ein Massen-Erziehungssystem entwickelt und Denkergruppen hervorgebracht. Daher haben wir Universitäten, Hochschulen, öffentliche und private Schulen. Diese prägen zehntausenden Menschen ihren Stempel auf, nivellieren und bilden sie, so dass ein menschliches Produkt hervorgebracht wird, das ein bestimmtes Allgemeinwissen, eine gewisse Menge feststehender Tatsachen und oberflächliche Belehrung besitzt. Das bedeutet, dass es hier keine solche beklagenswerte Unwissenheit wie im Osten gibt, sondern dass das Niveau des Allgemeinwissens ziemlich hoch ist. Dadurch entstand das, was wir Zivilisation nennen, mit ihrem Reichtum an Büchern und ihren vielen Wissenschaften; das brachte die wissenschaftliche Erforschung des Menschen und (auf der Höhe der menschlichen Evolutionswelle) die grossen Gruppen im Gegensatz zu den grossen Persönlichkeiten hervor. Diese Gegensätze können in groben Umrissen wie folgt zusammengefasst werden: Westen #Osten Gruppen #Persönlichkeiten Bücher #Bibeln Wissen #Weisheit Objektive Zivilisation #Subjektive Kultur Mechanische Entwicklung #Mystische Entwicklung Normung #Einmaligkeit Massenerziehung #Spezial-Schulung Wissenschaft #Religion Gedächtnisschulung #Meditation Forschung #Reflektion (gedankliche Vertiefung). Und doch ist die Ursache im Grunde die gleiche - eine Erziehungsmethode. Beide Methoden sind also in den Grundzügen richtig, aber beide sind notwendig, um einander zu vervollständigen. Die Erziehung der Massen im Orient wird zur Verbesserung ihrer äusseren Lebensprobleme führen, die gebieterisch nach Lösung verlangen; ein ausgedehntes allgemeines Erziehungssystem, das die unwissenden Massen des asiatischen Volkes erfasst, ist dringendste Notwendigkeit. Die geistige Schulung des Einzel-Menschen im Westen und die Ergänzung seines angelernten Wissens durch eine methodische Seelenkultur, wie sie uns der Osten lehrt, werden unserer so schnell zusammenbrechenden Zivilisation Aufschwung geben und sie retten. Der Osten braucht Wissen und Unterweisung, der Westen Weisheit und die Technik der Meditation. Wenn dieses wissenschaftliche und kulturelle System bei unseren hochgebildeten Menschen zur Anwendung kommt, dann wird es jene überbrückende Gruppe von Menschen hervorbringen, welche die Errungenschaften beider Hemisphären vereint und das subjektive mit dem objektiven Reich verbindet. Diese Menschen werden als die Wegbereiter des Neuen Zeitalters fungieren; es wird dann praktisch denkende Leute geben, die mit beiden Füssen fest auf der Erde stehen und doch gleichzeitig Mystiker und Seher sind, die auch in der Welt des Geistes leben und Inspiration und Erleuchtung ins tägliche Leben bringen. Für das Zustandekommen dieser Bedingungen und dieser grossen Gruppe praktischer Mystiker, die schliesslich die Welt erlösen werden, sind zwei Dinge vonnöten: Geschultes Denkvermögen mit umfassendem Allgemeinwissen als Grundlage (dies kann unser westliches System geben) plus geistiges Gewahrsein der innewohnenden Göttlichkeit, der Seele, was durch das östliche System wissenschaftlicher Meditation erreicht werden soll. Unser grösster Mangel im Westen besteht im Unvermögen, die Seele und die Gabe der Intuition zu erkennen, die ihrerseits zur Erleuchtung führt. Der verstorbene Professor Luzzatti, Premierminister von Italien, sagt in seinem höchst wertvollen und lehrreichen Buch «Gott und Freiheit»: «Es wird allgemein festgestellt, dass die Herrschaft des Menschen über sich selbst mit der zunehmenden Herrschaft des Menschen über die Natur nicht Schritt hält». [*U20] Wesentlich ist daher, dass die westliche Welt ihre Erziehungssysteme in einer solchen Weise vervollkommne, dass wir die Herrschaft über uns selbst gewinnen. Kapitel III Das Wesen der Seele «Die Philosophen sagen, die Seele sei doppelgesichtig; ihr nach aufwärts gewandtes Antlitz betrachtet allezeit Gott, und das andere schaut ein wenig herab, um die Sinne zu unterweisen; das nach aufwärts gewandte Antlitz, die Vollendung der Seele, besteht in Ewigkeit und hat mit Zeit nichts zu schaffen; es weiss nichts von Zeit oder Körper». Meister Eckehart. Bei der Erörterung der Technik, durch die wie behauptet wird - der gebildete Intellektuelle zum intuitiven Wissenden werden kann, ist es durchaus angebracht, die Hypothesen darzulegen, auf denen die Wissenschaft der Meditation beruht. Dabei müssen die verschiedenen Aspekte (der Natur oder der Göttlichkeit, welcher immer von beiden vorgezogen wird), deren Ausdrucksform der Mensch ist, erkannt werden; die grundlegende Verbindung aber, die ihn als integrierte Einheit zusammenhält, darf nie vergessen werden. Der Mensch ist ein integriertes, zu einer Einheit verbundenes Wesen, aber die Existenz bedeutet für manche mehr. Für einige ist sie eine rein animalische Existenz; für viele stellt sie die Gesamtheit der Gefühls- und Sinnes-Erfahrung dar; für andere wiederum ist sie all dies plus mentale Wahrnehmung, durch die das Leben sehr bereichert und vertieft wird. Für wenige (die Auslese der menschlichen Familie) bedeutet Sein die Erkenntnis der Fähigkeit, Kontakte zu registrieren, die sowohl universell und subjektiv, als auch individuell und objektiv sind. Keyserling sagt: «Wenn wir vom Wesen eines Menschen im Gegensatz zu seinen Fähigkeiten sprechen, meinen wir seine vitale Seele; und wenn wir sagen, dieses Wesen bestimmt und entscheidet, so meinen wir damit, dass alle seine Äusserungen von individuellem Leben durchdrungen sind, dass jede einzelne Wesensäusserung Persönlichkeit ausstrahlt und dass diese Persönlichkeit letzten Endes eine Verantwortung trägt». [*U16] Es muss hier als unerlässliche Bedingung festgestellt werden, dass nur verantwortungsbewusste, denkende Menschen für die Anwendung solcher Regeln und Unterweisungen reif sind, mit deren Hilfe sie den Übergang bewerkstelligen und |
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