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Die unvollendete Autobiographie, Seite 200 ff. (engl.) |
«das Denken das Wirkliche ertötet». Sie sind solche Tatsachenmenschen, dass sie
dabei das Schöne, das Geistige, das Subjektive oft vergessen, und das deutet auf
einen ernsten Mangel in ihrer inneren Ausrüstung. Ihr Senat tritt zusammen, ohne
der Gottheit zu gedenken; ihre Freimaurerlogen werden von den Grosslogen anderer
Länder geächtet, weil sie den Grossen Baumeister des Weltalls nicht anerkennen;
und ihre sexuellen Beziehungen beruhen lediglich auf dem Nützlichkeitsprinzip,
an dem nichts auszusetzen wäre, wenn es nichts anderes in der Welt gäbe als
materielles Dasein.
Heute, im Jahr 1947, leidet die Welt unter sexueller Anarchie. In Grossbritannien, Amerika und in anderen Ländern nehmen Ehescheidungen überhand; junge Leute heiraten von vornherein mit dem Gedanken, dass die Ehe aufgelöst werden kann, wenn sie sich nicht als glücklich erweist, und wer darf sagen, dass sie damit unrecht haben? Uneheliche Kinder als Nachwirkungen der Kriegspsychose sind in allen Ländern heute fast die Regel und nicht die Ausnahme. Wo marschierende Heere durchziehen, da bleiben Tausende von unehelichen Kindern als Folge zurück. Die Kirche wütet gegen die modernen Ansichten über die Ehe und deren Enttäuschungen, ohne jedoch eine Lösung anzubieten; und sowohl die katholische als auch die Episkopalkirchen in den Vereinigten Staaten und in Grossbritannien stehen auf dem Standpunkt, dass die Wiederverheiratung geschiedener Personen Ehebruch bedeute. In diesem Zusammenhang erinnere ich mich sehr gut, wie ich einmal in einer kleinen Kirche in der Nähe unseres Büros in Tunbridge Wells am Abendmahl teilnehmen wollte. Ich ging zum Rektor und bat ihn um die Erlaubnis, denn England ist sehr klein, und meine Verwandten sind dort sehr bekannt. Der Rektor sagte, er müsse diese Erlaubnis erst beim Bischof einholen, und nachdem sie verweigert worden war, kam der Rektor wieder zu mir und erklärte, ich dürfe nicht zum Abendmahl gehen. Ich sah mir ihn eine Weile an und sagte dann: «Ich könnte aus Amerika hierher gekommen sein als eine leichtlebige Frau, die gerne Cocktails trinkt und Karten spielt und ein halbes Dutzend Liebhaber hat, und sie hätten mich doch zum Abendmahl zugelassen, bloss weil ich keine geschiedene Frau wäre. Vor zwanzig Jahren wurde ich mit voller Billigung des Bischofs und des Klerus seiner Diözese geschieden, weil ihnen die Tatsachen bekannt waren, aber ich darf nicht am Abendmahl teilnehmen - obwohl ich Christus zu dienen gesucht habe und das seit meinem fünfzehnten Lebensjahr». Irgend etwas stimmt da grundsätzlich nicht mit der Anglikanischen Kirche. Irgend etwas stimmt aber auch mit der hiesigen Episkopalkirche nicht, denn ein Bischof dieser Kirche erklärte mir einmal: «Sagen sie mir bloss nie, dass jemand geschieden ist, denn was ich nicht weiss, tut niemandem weh; aber wenn ich davon weiss, dann muss ich das Abendmahl verweigern». Dazu ist wohl jeder Kommentar überflüssig. Wir befinden uns auf dem Weg zu einer Lösung des Sexualproblems. Wie sie sich gestalten wird, weiss ich nicht, aber ich vertraue auf die innere Gesundheit der Menschen und die Entfaltung göttlicher Absicht. Vielleicht liegt die Lösung in einer richtigen Schulerziehung und in der richtigen Einstellung der Eltern zu den in der Welt heranwachsenden Jungen und Mädchen. Die gegenwärtige Einstellung beruht auf Furcht, Unwissenheit und Zurückhaltung. Die Zeit muss kommen, in der Erzieher und Eltern die Tatsachen des Lebens und die richtigen Beziehungen zwischen den Geschlechtern offen mit der Jugend besprechen werden, und diese Zeit scheint bald zu kommen. Die jungen Leute sind innerlich gesund, aber ihre Unwissenheit bringt sie oft in Schwierigkeiten. Wenn sie die Tatsachen wüssten, - die brutalen, ungeschminkten Tatsachen - dann würden sie sich auch zu benehmen wissen. All dieses alberne Gerede von kleinen Blumen und Samenhülsen und Kindern, die der Storch bringt, und was es an sonstigen ähnlichen Annäherungsversuchen an das Sexualproblem gibt, ist eine Beleidigung der menschlichen Intelligenz; und unsere Jugend ist hochintelligent. Ich persönlich würde es gern sehen, wenn man jeden Jungen und jedes Mädchen im Pubertätsalter zu einem verständnisvollen Arzt brächte, um von ihm die nackten Tatsachen zu erfahren. Ich möchte, dass man der jüngeren Generation Achtung für ihre Rolle als Eltern kommender Generationen einflösst, und ausserdem möchte ich, dass die heutigen Väter und Mütter im grossen ganzen ihren Kindern mehr Freiheit zur Bereinigung ihrer eigenen Probleme lassen sollten. Nach meiner Erfahrung kann man ihnen vertrauen, wenn sie Bescheid wissen. Das Durchschnittskind ist von Natur aus nicht verkommen und wird kein Risiko eingehen, wenn es darüber unterrichtet ist. Ich möchte, dass der Arzt das Sexualproblem im Gespräch mit den Jungen und Mädchen, die man zu diesem Zweck zu ihm bringt, unter dem Gesichtspunkt ihrer künftigen Elternschaft erörtert, auf die Gefahren eines zwanglosen Geschlechtsverkehrs hinweist und vor der Homosexualität warnt, die doch eine der grössten Gefahren sind, die der heutigen Jugend drohen. Wenn sie sich über die Tatsachen im klaren sind, dann kann man sich auf die jungen Leute verlassen, aber offen gestanden traue ich den Eltern nicht mehr, hauptsächlich deshalb, weil sie voller Furcht sind und ihren eigenen Kindern nicht trauen. All das erwähne ich gewissermassen als Auftakt zu dem Mädchen-und-Jungen-Problem, dem ich selbst während der nächsten Jahre gegenüberstand. Ich habe drei wirklich reizende Töchter und die jugendlichen Verehrer begannen sich einzustellen. Im Büro sah ich den ganzen Tag über nichts als Leute, Leute, Leute und zu Hause gab es dann nichts als Jungen, Jungen, Jungen. Ich lernte auf diese Weise beide Gruppen verstehen und liebgewinnen. Ich achte und liebe die jüngere Generation und habe Vertrauen zu ihr. Um diese Zeit zogen wir von Ridgefield Park nach Stamford, im Staat Connecticut. Einer unserer Freunde, Mr. Graham Phelps-Stokes, hatte ein leeres Haus am Long Island Sund und liess uns dort mehrere Jahre mietfrei wohnen. Es war weit geräumiger und netter als das Haus in Ridgefield Park, und ich persönlich fühlte mich dort äusserst wohl. Die Morgenstunden dort werden mir stets in Erinnerung bleiben. Im oberen Flügel des Hauses befand sich ein grosses Zimmer, oberhalb des Dienstmädchenquartiers im unteren Stock. Es hatte Fenster nach drei Seiten hin, und dort lebte und arbeitete ich. Graigie war bei uns, und es gab eine Unmenge Hausarbeit, die Mädchen waren inzwischen grösser geworden und konnten sich schon sehr nützlich machen. Foster und ich fuhren an Wochentagen meistens nach New York, da Graigie sich ja um die Mädchen kümmern konnte. Sie waren damals alle in ihren Zehnerjahren und waren so auffallend hübsch, dass wir es einfach für unmöglich hielten, sie in eine Volksschule zu schicken. Die Bevölkerung von Stamford bestand damals hauptsächlich aus Ausländern. Drei hübsche, blonde Mädel waren den durchschnittlichen Italienerjungen so unwiderstehlich, dass man ihnen überall nachlief. Ich wandte mich hilfesuchend an eine reiche Freundin, und sie zahlte das Schulgeld in der Low Hayward School. Das war eine sehr vornehme Privatschule für Mädchen, und sie besuchten sie täglich, solange wir in Stamford wohnten. Ich kann mich nicht mehr an all die verschiedenen Jungen erinnern, die damals zu uns kamen. Zwei davon sind heute noch mit uns befreundet und besuchen uns gelegentlich, obwohl sie beide verheiratet sind und eigene Familien haben. Wenn sie hin und wieder mal kommen, dann besteht immer noch ein glückliches, tiefverwurzeltes Verhältnis zwischen uns, das, völlig zwanglos, es uns immer wieder möglich macht, die abgerissenen Fäden alter Freundschaft neu zu knüpfen, auch wenn wir uns inzwischen noch so lange nicht gesehen haben. Die anderen habe ich vergessen; sie kamen und gingen. Besonders erinnere ich mich noch an die Nächte, in denen ich wach blieb und durch meine drei Fenster nach Autolichtern ausspähte, die mir anzeigten, dass wieder einmal ein Junge ein Mädchen nach Hause brachte. Das ärgerte meine Töchter immer schrecklich, aber ich hatte stets das Gefühl, dass das psychologisch gut und richtig war. Mutter wusste jederzeit, wo ihre Mädels waren, wer sie ausgeführt hatte und wann sie nach Hause kamen, und ich habe meine Hartnäckigkeit in dieser Beziehung nie bereut. Allerdings bereute ich oft die Stunden meines verlorenen Nachtschlafes. Die drei Mädel gaben mir niemals einen wirklichen Grund zu Besorgnis oder zu Misstrauen; jetzt, wo sie alle verheiratet sind und ihr eigenes Leben führen, möchte ich die Gelegenheit benutzen, um ihnen zu sagen, wie nett, wie unverdorben, wie vernünftig und wie grundanständig sie waren. So verflogen die Jahre. Von 1925 bis 1930 waren es Jahre der Anpassung, der Schwierigkeiten, der Freude und des Wachsens. Darüber lässt sich wenig berichten. Es waren eben gewöhnliche Jahre der Arbeit, in denen die Arkanschule gegründet und gefestigt wurde, die Bücher des Tibeters veröffentlicht wurden und in denen sich eine Gruppe von Männern und Frauen um uns scharte, die nicht nur unsere zuverlässigen Freunde waren und uns seither hilfreich zur Seite standen, sondern darüber hinaus dem Dienst an der Menschheit treu ergeben blieben. Im Sommer verreisten wir selten, da das Haus am Sund lag und einen eigenen Badestrand hatte, und da die Kinder soviel schwimmen und Essmuscheln suchen konnten, wie sie nur wollten. Ich verstehe mich wirklich darauf, eine ausgezeichnete Muschelsuppe (clam chowder) zuzubereiten. Dank der Liebenswürdigkeit eines Freundes besassen wir ein Auto und konnten damit nach Belieben nach New York oder sonstwohin fahren. Fast jeden Sonntag stand unser Haus Freunden und Bekannten offen, und oft hatten wir 20 bis 30 Gäste. Wir mischten sie alle wie Kraut und Rüben durcheinander, ob jung oder alt, ob mit oder ohne sozialen Rang, und ich glaube, sie alle haben sich bei uns wohl gefühlt. Es gab Kuchen und Punsch, Tee und Kaffee, und ganz gleich wer es war, ein jeder musste «mitmachen», Geschirr waschen und das Wohnzimmer aufräumen, wenn der Tag vorbei war. Wir hatten eine Katze und einen Hund, die einen sehr individuellen Charakter besassen. Der Hund war ein Polizeihund, Enkel von Rin Tin Tin und sehr wertvoll. Er sollte uns eigentlich bewachen und Landstreicher und Bummler verscheuchen, aber er war uns durchaus kein Schutz. Er liebte jeden Menschen und hiess jeden Bummler im Haus willkommen. Er war überzüchtet, viel zu empfindlich und überspannt und musste dauernd Beruhigungsmittel einnehmen, um seine Nerven in Schach zu halten. Es war auch keine Spur von Bösartigkeit an ihm, und wir alle liebten ihn. Niemand liebte die Katze, weil sie nur mich liebte. Es war ein riesiger und wirklich prächtiger Kater, den wir als ganz kleines Kätzchen irgendwo aufgefunden hatten. Er liess sich nur von mir füttern. Er weigerte sich, ins Haus zu kommen, wenn ich nicht unten war, und so baute ihm Foster eine Leiter vom Garten zu meinem Schlafzimmerfenster und schnitt ein Loch durch den Fliegendraht, so dass er in mein Zimmer schlüpfen konnte. Von diesem Augenblick an war er wunschlos glücklich, benutzte nie mehr eine Tür und flitzte einfach die Leiter hinauf und auf mein Bett. Die Arbeit wuchs in diesen Jahren im gleichen Verhältnis wie die Schule. Mein Mann gründete damals die Zeitschrift «The Beacon»; sie entsprach einem wirklichen Bedürfnis, und das ist auch heute noch der Fall. Gewöhnlich veranstaltete ich sechs oder acht öffentliche Vorlesungen im Jahr, und da ich kein Eintrittsgeld verlangte, brachte ich es mit Leichtigkeit auf 1000 Zuhörer. Mit der Zeit stellten wir jedoch fest, dass eine grosse Zahl von denen, die da unsere Stühle mit Beschlag belegten, blosse Herumstreicher waren, «floaters», wie man sie in New York nennt. Sie gingen während jeder freien Vorlesung ein und aus, ohne sich überhaupt um das Thema zu kümmern, und sie zogen aus dem Vortrag niemals einen wirklichen Nutzen. Wir beschlossen deshalb schliesslich, zu meinen Vorlesungen Eintrittsgeld zu verlangen, auch wenn es nur 25 Cents waren. Die Zuhörerschaft sank sofort auf die Hälfte, und darüber waren wir sehr froh. Die, welche jetzt noch kamen, wollten wenigstens etwas hören und lernen, und es war der Mühe wert, sich mit ihnen zu unterhalten. Ich habe immer gern Vorträge gehalten, und während der letzten zwanzig Jahre habe ich nicht gewusst, was es heisst, auf dem Podium nervös zu sein. Ich habe Menschen gern und vertraue ihnen, und eine Zuhörerschaft mutet mich einfach wie ein einzelner, netter Mensch an. Ich glaube wirklich, dass öffentliches Reden immer das war, was ich am liebsten tat; leider erlaubt es mir mein jetziger Gesundheitszustand nicht mehr, und es fehlt mir wirklich sehr. Da mein Arzt eher dagegen ist, und mein Mann sich schrecklich grosse Sorgen darüber macht, spreche ich heute nur mehr einmal im Jahr auf der Schulkonferenz. Zu Beginn dieses Zeitabschnitts schloss ich eine Freundschaft, die mir, mit Ausnahme meiner Ehe mit Foster Bailey, über alles in der Welt ging. Die neue Freundin war die personifizierte Einfachheit, Freundlichkeit und Selbstlosigkeit, und sie brachte mehr Reichtum und Schönheit in mein Leben, als ich mir je hätte träumen lassen. Siebzehn lange Jahre hindurch gingen wir zusammen den geistigen Pfad. Ich widmete ihr all meine Freizeit und war andauernd in ihrem Haus. Wir erfreuten uns an den gleichen Dingen und die gleichen Werte und Ideen interessierten uns. Wir hatten keine Geheimnisse voreinander, und ich wusste genau, was sie von den Menschen und Umständen ihrer Umgebung hielt. Ich schmeichele mir mit dem Gedanken, dass sie in den letzten siebzehn Jahren ihres einsamen Lebens doch nicht ganz allein war. Sie zu verstehen, ihr eine Stütze zu sein und ihr Gelegenheit zu geben, sich bei mir ohne Furcht vor Weitererzählen auszusprechen, war die einzige Art, wie ich ihre grenzenlose Güte mir gegenüber vergelten konnte. Siebzehn Jahre lang, bis zu ihrem Tod im Jahr 1940, kleidete sie mich ein, und ich brauchte mir kein |
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Last updated Saturday, February 14, 1998 © 1998 Netnews Association. All rights reserved. |