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Die unvollendete Autobiographie, Seite 143 ff. (engl.) |
formulierte Ideen, sondern als Wahrheiten, die ich langsam erkannte, denen ich
mich nach und nach anpasste und für die ich praktische Verwendung finden musste.
Ich beobachtete mein eigenes Leben. Ich dachte in diesem Zusammenhang über meine
drei Mädchen nach und fand das höchst aufschlussreich. Ich fand, dass das Karma,
das mich mit meiner jüngsten Tochter Ellison verbindet, hauptsächlich physischer
Art ist. Ich hatte sie Jahr um Jahr durch gewissenhafte Pflege am Leben
erhalten. Acht Jahre lang liess ich sie auf ärztliche Verordnung hin bei mir im
Bett schlafen, damit sie meine Vitalität in sich aufnehmen konnte. Dadurch, dass
ich sie tagein tagaus sorgfältig überwachte und, ihr keinerlei körperliche
Anstrengung wie Bergaufgehen oder Treppensteigen gestattete, überwand sie ihre
Herzbeschwerden, und heute ist sie die Kräftigste in der ganzen Familie. Ellison
zeigt in keiner Weise, dass sie mich heute noch braucht. Sie ist glücklich
verheiratet, lebt in Indien und hat zwei Kinder. Ich bin sicher, dass sie auf
mich stolz ist, aber unsere Beziehung liegt in der Vergangenheit. Mit meiner
ältesten Tochter bin ich aufs engste verbunden, und das ist wahrscheinlich der
Grund, warum wir so schrecklich viel Krach miteinander haben. Wir stehen uns
innerlich sehr nahe, und obwohl ich sie augenblicklich nur selten zu Gesicht
bekomme, bin ich ihrer und ist sie meiner gewiss. Meine zweite Tochter, Mildred,
steht mir karmisch sehr nahe. Wir hängen merkwürdig aneinander, und doch weiss
ich, dass sie sich innerlich frei fühlt. Obwohl sie zweimal verheiratet war,
sind wir unter den eigenartigsten Umständen stets beieinander geblieben, und ich
war ihr für ihre Liebe und vor allem für ihre Freundschaft dankbar. Es wäre so
gut, wenn Mütter und Töchter, Väter und Söhne auf freundschaftliche Beziehungen
mehr Wert legten, als das meistens der Fall ist. Wenn ich in unsere vergangenen
Beziehungen gemäss dem Gesetz der Wiedergeburt hineinschauen könnte, so würde
ich ganz bestimmt eine genaue Erklärung für das heutige, wirklich angenehme
Verhältnis zwischen meinen drei Mädchen und mir finden. Daraus sollte man
allerdings nicht schliessen, dass wir etwa jederzeit miteinander auskommen. Es
hat stürmische Szenen und Missverständnisse gegeben. Sie haben mich nicht immer
verstanden, ich habe oft schwer um sie gebangt und manches ändern wollen, oft
gehofft sie würden anders handeln usw. usw..
Gegen Ende des Jahres 1917 ging Walter Evans mit dem C. V. J. M. nach Frankreich; mein Freund, der Bischof, richtete es so ein dass ich eine monatliche Unterstützung von einhundert Dollar von Evans Gehalt bekommen sollte. Dieser Betrag wurde mir vom C. V. J. M. direkt zugesandt, solange er für den Verein tätig war. Diese Unterstützung, zusammen mit meinem eigenen, kleinen Einkommen (das wieder regelmässiger durchzusickern begann) erlaubte es mir, meine Arbeit als Sardinenpackerin aufzugeben und andere Pläne zu machen. Meine Betätigung in der Theosophischen Loge von Pacific Grove hatte einen gewissen Erfolg, und ich wurde als Schülerin einigermassen bekannt. In Anbetracht meiner ziemlich geregelten, finanziellen Lage machte man mir den Vorschlag, nach Hollywood zu ziehen, wo die Theosophische Gesellschaft in Krotona ihren Hauptsitz hatte. Dazu entschloss ich mich denn auch, und gegen Ende 1917 zogen wir dorthin. Ich fand ein kleines Haus in der Nähe des Hauptbüros der T. G. und richtete mich dort mit meinen drei Kindern am Beechwood Drive häuslich ein. Hollywood war zu jener Zeit noch verhältnismässig unverdorben. Die Filmindustrie war natürlich das Hauptunternehmen, aber die Stadt war damals noch recht einfach. Alle Hauptstrassen waren mit Pfefferbäumen eingesäumt, und es gab noch nicht die Atemlosigkeit, die wilde Hast, die leicht vergängliche Pracht und den Flitterglanz des heutigen, modernen Hollywood. Es war damals noch ein freundlicher und angenehmer Ort. Ich möchte an dieser Stelle ausdrücklich erwähnen, dass die innere Gesundheit, Freundlichkeit, Grosszügigkeit und das menschliche Einfühlungsvermögen der führenden Filmgrössen auf mich einen bleibenden Eindruck machten. Ich wurde mit vielen Filmleuten bekannt, und es waren prächtige und durchaus natürliche Menschen. Selbstverständlich gab es da auch schlechte Elemente, aber in welcher Gesellschaftsschicht gibt es die nicht? In allen Gruppen, Gemeinschaften und Organisationen gibt es üble Charaktere; überall gibt es hervorragend gute Menschen und mittelmässige, bedeutungslose Personen, die noch nicht genügend entwickelt sind, um sehr gut oder sehr schlecht zu sein. Als ich vor ein paar Jahren die Fifth Avenue herunterfuhr, wandte sich der Taxifahrer nach mir um und sagte: «Sagen sie, Madame, haben sie je einen netten Juden gekannt?» Ich sagte, das hätte ich bestimmt, und einige meiner vertrautesten Freunde seien Juden. Dann fragte er, ob ich je einen üblen Juden kennengelernt hätte, und ich antwortete, dass ich gar manchem von der üblen Art begegnet sei. Dann fragte er weiter, ob ich einen netten Nichtjuden kenne, und ich antwortete natürlich: «Sicher, dazu rechne ich mich selbst». Dann fragte er mich nach üblen Nichtjuden und ich gab ihm die gleiche Antwort. «Also gut, Madame, was bleibt dann übrig? Nichts als menschliche Wesen». Das ist dann auch überall meine Erfahrung gewesen. Welcher Rasse oder Nation wir auch angehören mögen, im Grund sind wir alle gleich. Wir haben dieselben Fehler und Gebrechen, dieselben Antriebe und Bestrebungen, dieselben Ziele und Wünsche, und ich glaube, wir sollten diese Tatsache viel klarer und praktischer im Bewusstsein behalten. Wir müssen uns auch von dem Eindruck freimachen, den die Geschichte und ihr verknöchernder Nationalismus bei uns hinterlassen hat. Die geschichtliche Vergangenheit einer jeden Nation ist ein trauriges Kapitel, aber sie bestimmt unser Denken. Grosse nationale Gedankenformen beherrschen das Verhalten jeder Nation, und davon müssen wir uns freimachen. Das lässt sich leicht erkennen, wenn wir einige der führenden Nationen und ihre Charaktermerkmale betrachten. Nehmen wir zum Beispiel die Vereinigten Staaten. Die Pilgerväter haben diesem Land ihren Stempel aufgedrückt, aber ich selbst neige zur Ansicht einer Freundin, die einmal die Bemerkung machte, dass die wirklichen Gründer Amerikas die tapferen Pilgermütter gewesen seien, denn sie brachten es fertig, mit den Pilgervätern auszukommen, denn die Vereinigten Staaten haben eine weibliche Zivilisation. Die Pilgerväter müssen sehr engstirnige, hartgesottene und eingebildete Menschen gewesen sein, mit denen man nur schwer auskommen konnte, denn sie hatten immer recht. Die vorsichtige Zurückhaltung und das Überlegenheitsgefühl ist etwas, wovon sich die Briten freimachen müssen; und die Franzosen müssen sich ihre Überzeugung abgewöhnen, dass die Grösse und der Ruhm, die Frankreich im Mittelalter zur führenden Nation gemacht hatten, zum Wohl des heutigen Europas unbedingt wiederhergestellt werden sollten. Jede Nation hat ihre hervorstechenden Fehler, und die anderen Völker bemerken eher diese Fehler als die Vorzüge. Die lebendige Kraft Amerikas wird im Ärger über seine bombastische Grosssprecherei vergessen. Der dem Briten angeborene Gerechtigkeitssinn wird leicht übersehen, wenn er es ablehnt, sich selbst zu erklären. Der Glanz des französischen Intellekts findet keine Fürsprecher bei denen, die sehr wohl Frankreichs vollkommenen Mangel an internationalem Bewusstsein bemerken. Und die Vereinigten Staaten - mit ihrem jugendlichen Übermut, ihrer vielversprechenden Selbstsicherheit und ihrer typisch jungenhaften Überzeugung, zur Lösung aller eigenen und aller Weltprobleme fähig zu sein - stehen heute vor der Aufgabe, ihr nationales Erbgut im Sinn einer Zukunft zu entfalten, die uns erstaunliche Wunder, einzigartige Dienstleistungen und Schönheit ohnegleichen verspricht. Die gleiche Kritik und die gleiche Anerkennung vorhandener Tugenden liesse sich auf jede einzelne andere Nation und in gleichem Mass auf einzelne Menschen anwenden. Wir alle haben auffallende Fehler, die so laut in die Welt hineinschreien, dass unsere ebenso hervorragenden guten Eigenschaften in Vergessenheit geraten. Was mich bei dieser Beschreibung meines Lebens am Anfang besonders beunruhigte, war die Befürchtung, dass ich mich dabei - wenn auch unbewusst und ohne Absicht - vielleicht zu gut herausstreichen könnte. Ich habe meine guten Seiten; ich lasse mich nicht von meinem Vorhaben abbringen; ich liebe wirklich meine Mitmenschen; ich bin durchaus nicht stolz. Es wird mir nachgesagt, dass ich stolz sei, aber ich denke, das liegt in der Hauptsache an meiner Körperhaltung. Ich gehe sehr gerade und halte meinen Kopf hoch, aber das würde jeder andere ebenso machen, wenn er als Kind im Klassenzimmer dazu gezwungen worden wäre, beim Unterricht drei Bücher auf dem Kopf zu balancieren und einen kleinen Stechpalmenzweig unter dem Kinn zu haben. Ich glaube nicht, dass ich eine selbstsüchtige Person bin, ich mache mir wegen meiner Gesundheit nicht viel Gedanken und ich darf wohl ehrlich sagen, dass ich mich nicht gern selbst bemitleide. Ich bin von Haus aus konservativ und war früher einmal sehr kritisch eingestellt, aber das bin ich eigentlich nicht mehr, denn ich kann instinktiv verstehen, warum sich der einzelne so geben muss, wie er eben ist; und die Fehler, die er haben mag, ändern keineswegs meine Haltung ihm gegenüber. Ich trage nichts nach, vielleicht hauptsächlich deshalb, weil ich keine Zeit habe, mich damit abzugeben und weil ich keine eiternde Giftbeule in meinem Denken haben will. Ich weiss bestimmt, dass ich reizbar bin und dass es nicht leicht ist, mit mir zu leben, weil ich mich selbst und jeden anderen, der mit mir zu tun hat, fortwährend antreibe; aber mein grösster Fehler, der mir mein ganzes Leben lang am meisten zu schaffen machte, ist Furcht. Ich erwähne das in vollster Absicht, denn ich habe festgestellt, dass meine Freunde und Schüler immer sehr erleichtert und befriedigt sind, wenn sie herausfinden, dass ich mein Leben lang unter Furcht zu leiden hatte. Ich habe Angst gehabt, ich könnte versagen, Angst vor meinen Fehlern, Angst davor, was andere über mich denken könnten, Angst vor der Dunkelheit und Angst vor den Leuten, die mich anhimmeln. Ich habe es stets als Nachteil empfunden, wenn man auf den Sockel gestellt wird, und die Leute zu einem aufschauen. Ich stimme mit dem chinesischen Sprichwort überein: «Wer auf einem Sockel steht, kann nirgends mehr hin, ausser hinunter». Ich bin von der Haltung eines durchschnittlichen Gruppenleiters oder okkulten Lehrers und vieler Priester und Geistlichen sehr unangenehm berührt. Sie stellen sich so hin, als wären sie wirklich die Gesalbten des Herrn, als unterschieden sie sich von anderen Leuten, anstatt bloss Menschen zu sein, die ganz einfach ihren Mitmenschen zu helfen versuchen. Aufgrund meiner Herkunft und Erziehung hatte ich früher grosse Angst vor der Meinung der Leute. Jetzt mache ich mir nichts mehr daraus, weil ich festgestellt habe, dass man bei einem bestimmten Teil des Publikums in jedem Fall unrecht behält. Die meisten meiner Befürchtungen beziehen sich auf andere Menschen, - meinen Mann und meine Kinder - aber ich habe eine persönliche Furcht, der ich nie nachgebe, die mich aber stets umfängt, d.h. ich fürchte mich nachts vor der Dunkelheit, wenn ich allein im Haus oder in der Wohnung bin. Ich wusste nichts von dieser Furcht, bis ich im Soldatenheim Quetta tätig war. Ich habe meine drei Mädchen so erzogen, dass sie keine Angst vor der Dunkelheit haben; aber ich hatte damals ein Erlebnis, das bleibenden Eindruck hinterliess, und obwohl ich mich dadurch in meinem Handeln nicht habe beeinflussen lassen, habe ich seitdem immer dagegen ankämpfen müssen. Meine Mitarbeiterin war schwer an Typhus erkrankt. Ich hatte sie durch die Krise hindurch gepflegt, und dann war sie in ein Krankenhaus gebracht worden, so dass ich in dem riesigen Soldatenheim allein blieb; und da ich sehr jung und sehr auf Anstand bedacht war, erlaubte ich es den beiden englischen Geschäftsführern (ehemaligen Soldaten) nicht, mit mir im gleichen Gebäude zu schlafen, da ich dachte, das würde zu Gerede und Klatsch führen. Jeden Abend, nachdem die Soldaten weg waren, geleitete mich also einer von den beiden auf mein Zimmer, etwa um halb zwölf, warf einen Blick in mein Badezimmer und meine Schränke, sah unter mein Bett und verschloss schliesslich alle Türen zu meinem Schlafzimmer. Ich hörte dann noch, wie er durch die übrigen Räume ging. Mein Zimmer hatte vier Türen, je eine zur Veranda, zu meinem Wohnzimmer, zum Schlafzimmer meiner Mitarbeiterin und zu meinem Badezimmer. Ich war nicht im geringsten beunruhigt, und die Durchsuchung meiner Wohnung war mehr eine Vorsichtsmassnahme des betreffenden Mannes. Mein Bett stand mitten im Zimmer, und die Pfosten steckten in tiefen Untersätzen wegen der Insekten. Damals schliefen wir in Indien stets mit einer brennenden Lampe im Zimmer. Eines Morgens erwachte ich gegen zwei Uhr durch ein Geräusch im Wohnzimmer und sah gerade, wie jemand die Türklinke niederzudrücken versuchte. Glücklicherweise war die Tür abgeschlossen. Ich wusste, dass es keiner von den Geschäftsführern sein konnte, und ich konnte auch den Nachtwächter weder hören noch sehen, und so kam mir die Vermutung, dass es ein Eingeborener aus den Bergen oder ein Dieb sein müsste, der in den Geldschrank in meinem Wohnzimmer einzubrechen suchte, in dem jeden Abend Hunderte von Rupien verwahrt waren. Es war um die Jahreszeit, in der Angehörige der Gebirgsstämme ins Lager kommen durften. Alle Wachtposten waren verdoppelt, und alle Vorsichts-Massnahmen getroffen worden, denn es war damals in den Grenzgebieten allerhand los. Wenn es den Räubern gelingen würde, in mein Zimmer einzudringen, so wusste ich, dass ich erledigt war, denn sie betrachteten es als eine grosse Ehre. eine weisse Frau umzubringen. Es hätte für mich einen Messerstich ins Herz bedeutet. Fünfundvierzig Minuten lang sass ich in meinem Bett und sah zu, wie sie die sehr starken Türen niederzubrechen suchten. Sie wagten es nicht, auf die Veranda zu gehen, weil man sie dort hätte sehen können, und durch mein Badezimmer oder das andere Schlafzimmer zu mir zu kommen, erforderte in jeden Fall das Eindrücken zweier Türen, und der dadurch verursachte Lärm wäre zu gefährlich gewesen. Ich entdeckte dann, dass Furcht |
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Last updated Saturday, February 14, 1998 © 1998 Netnews Association. All rights reserved. |