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Vom Intellekt zur Intuition, Seite 68 ff. (engl.)
bekannt sind, möglich ist. Bertrand Russell befasst sich mit diesen beiden Gruppen in äusserst interessanter Weise, obwohl er den Ausdruck Mystiker in beiderlei Hinsicht gebraucht. Seine Worte bilden eine faszinierende Einleitung zu unserem Thema.

«Mystische Philosophie ist zu allen Zeiten und in allen Teilen der Welt durch gewisse Überzeugungen gekennzeichnet, wofür die eben betrachteten Doktrinen ein anschauliches Beispiel sind.

Das ist zuerst der Glaube an Innenschau im Gegensatz zum analytischen, logisch-folgernden Wissen; der Glaube an einen plötzlichen, alles ergründenden, zwingenden Weg der Weisheit im Gegensatz zum langsamen, fehlbaren Studium der äusseren Erscheinungen seitens einer Wissenschaft, die sich ausschliesslich auf die Sinneswahrnehmung verlässt. ...

Die mystische Innenschau beginnt mit dem Gefühl eines entschleierten Mysteriums, einer verborgenen, nun plötzlich über jeden Zweifel erhaben gewordenen Weisheit. Endgültiger Überzeugung geht das Gefühl der Gewissheit und der Enthüllung voraus. Diese endgültigen Überzeugungen, zu denen Mystiker gelangen, sind das Resultat reflektiver Betrachtung der im Moment der Innenschau gewonnenen, nicht gleich verständlichen Erfahrung. ...

Das erste und direkte Ergebnis der momentanen Erleuchtung ist der Glaube an die Möglichkeit einer Erkenntnisart, die man Offenbarung, Innenschau oder Intuition nennen könnte im Gegensatz zu Gefühl, Vernunft und Analyse, die als blinde Führer zum Morast der Illusion angesehen werden. Eng verbunden mit diesem Glauben besteht die Vorstellung von einer hinter dieser Erscheinungswelt stehenden und von ihr vollkommen verschiedenen Realität. Diese Realität wird oft mit einer an Anbetung grenzenden Bewunderung verehrt; sie wird als immer und überall nahe empfunden, durch die Sinneseindrücke leicht verschleiert, bereit - für das empfängliche Gemüt - in ihrer Herrlichkeit sogar durch die offensichtliche Torheit und Sündhaftigkeit des Menschen zu strahlen. Der Dichter, der Künstler und der Liebende suchen diese Herrlichkeit; die bezaubernde Schönheit, der sie nachgehen, ist der schwache Abglanz dieser Sonne. Der Mystiker aber lebt im vollen Licht der Vision. Wonach andere dunkel streben, das weiss er aus einer Erkenntnis, neben der alles andere Wissen Unwissenheit ist.

Das zweite Hauptmerkmal der Mystik ist der Glaube an Einheit und die Weigerung, irgendwo einen Gegensatz oder eine Teilung zuzugeben. ...

Ein drittes Kennzeichen beinahe aller mystischen Metaphysiker ist die Verneinung der Wirklichkeit der Zeit; es ist das Ergebnis der Verneinung der Teilung; wenn alles eine Einheit ist, muss der Unterschied zwischen dem Vergangenen und dem Zukünftigen illusorisch sein. ...

Die letzte der mystischen Doktrinen, die wir zu betrachten haben, ist die Überzeugung, dass alles Böse blosser Schein ist, eine durch die Teilungen und Gegensätzlichkeiten des analytischen Intellekts hervorgerufene Illusion. Die Mystik behauptet nicht, dass solche Dinge wie z. B. Grausamkeit gut seien, verneint aber deren Realität; sie gehören jener niederen Erscheinungswelt an, von der wir durch die Innenschau der Vision befreit werden sollen». ... [*U26]

Der mystische Weg jedoch ist eine Vorbereitung zum Wege der Erkenntnis; und dort, wo der Mystiker in Anbetung der Vision und Sehnsucht nach dem Geliebten stehen bleibt, nimmt der nach wahrer Erkenntnis Strebende die Aufgabe auf und führt sie weiter. Dr. Bennett von der Yale-Universität sagt am Schlusse seines Buches über Mystik: «Der Mystiker wartet am Ende seiner Vorbereitung einfach auf eine Erscheinung und ein Ereignis, das er vorsichtigerweise nicht ausführlich beschreibt; er wartet aber auch im vollen Bewusstsein, dass seine eigene Anstrengung ihn so weit als möglich gebracht habe und dass sie nun durch etwas von aussen Kommendes gekrönt werden müsse». Dieser Gedanke verweist die ganze Idee in das Reich sinnlicher Wahrnehmung; es liegt aber etwas mehr darin: Direkte Erkenntnis. Ein Verstehen der Gesetze, welche dieses neue Reich des Seins beherrschen. Er unterwirft sich einer neuen Verfahrensweise und jenen Massnahmen und Losungsworten, die zum Tor führen und dessen Öffnen bewirken. Gerade hier trägt die Meditation ihren Teil bei und das Denken setzt ein, um seine neue Funktion des Enthüllens auszuüben. Die vom Mystiker ersehnte Vereinigung, die er empfindet und kurz und flüchtig erlebt hat, wird durch die Meditation endgültig und kann zweifellos nach Belieben wieder erlangt werden. Vater Joseph Maréchal führt in seinem bemerkenswerten Buch aus, dass:

«das Symbol vergeht, das Bild verblasst, Raum verschwindet, Vielfalt vermindert wird, Vernunft schweigt, das Gefühl der Ausdehnung sich verdichtet und dann zusammenbricht; intellektuelle Aktivität ist gänzlich in ihrer Intensität konzentriert; sie erfasst ohne Vermittlung in souveräner Gewissheit der Intuition das Sein, Gott. ...

Das menschliche Denken ist also eine Fähigkeit, nach der Intuition zu suchen - das heisst nach der Assimilation des Seins, des reinen einfachen Seins, das unumschränkt eins ist, ohne einen Unterschied zwischen Essenz und Existenz, zwischen Möglichem und Wirklichem zu machen». [*U27]

Dem Denken Zügel anzulegen und es auf seine neue Aufgabe als Offenbarer des Göttlichen zu lenken, ist jetzt das Ziel des überzeugten Mystikers. Um dies mit Erfolg und Glück durchzuführen, bedarf er klarer Vision seines Zieles und erleuchteten Verstehens der Ergebnisse, die sich schliesslich zeigen sollen. Er muss sich über seine Kräfte und Fähigkeiten, die er zur Erreichung seiner Bestrebungen einsetzt, vollkommen klar werden und muss auch seine Fehler und Mängel richtig einschätzen. Er sollte zu einer möglichst abgewogenen Meinung über sich selbst und die gegebenen Umstände kommen. Gleichlaufend damit sollte er auch eine ebenso ausgeglichene Auffassung über das Ziel und ein Verständnis für die wundervollen Erkenntnisse und Gaben erlangen, die ihm zuteil werden, wenn er sein Interesse von den Dingen, die jetzt seine ganze Aufmerksamkeit und seine Gefühle in Anspruch nehmen. abwendet und auf die mehr esoterischen Werte und Normen konzentriert.

Wir haben darauf hingewiesen, dass Meditation ein Vorgang ist, bei dem das Denkvermögen auf die grosse Wirklichkeit gerichtet wird, und der bei richtiger Anwendung den Menschen in ein anderes Naturreich, einen anderen Bewusstseins- und Seins-Zustand sowie in eine andere Dimension führen kann. Das Ziel der Vollendung hat sich in höhere Gedanken- und Erkenntnisbereiche verlagert. Worin bestehen nun die endgültigen Resultate dieser neuen Einstellung?

Es soll vor allem festgestellt werden, dass Meditation jene Wissenschaft ist, die uns befähigt, zu einem direkten Erleben Gottes zu gelangen. Das, worin wir leben, uns bewegen und unser Sein haben, ist nicht mehr bloss Gegenstand der Aspiration oder das Symbol einer göttlichen Möglichkeit. Wir erkennen Gott als die Ewige Ursache und die Quelle all dessen, was ist, einschliesslich unserer selbst. Wir erkennen das Ganze. Wir werden eins mit Gott durch Einswerdung mit unserer eigenen unsterblichen Seele, und wen dieses ungeheure Ereignis stattfindet, erkennen wir, dass das Bewusstsein der individuellen Seele das Bewusstsein des Ganzen ist und dass Getrenntheit und Teilung, Unterschiede und die Begriffe von mein und dein, von Gott und einem Kinde Gottes im Wissen und Erkennen der Einheit aufgegangen sind. Dualismus wich der Einheit. Darin besteht der Weg der Vereinigung. Die integrierte Persönlichkeit wurde durch einen ordnungsgemässen Vorgang der Seelen-Entfaltung übertroffen und ein bewusstes Einssein zwischen dem niederen oder persönlichen Selbst und dem höheren oder göttlichen Selbst zustandegebracht. Diese Dualität muss Zuerst erkannt und später überwunden werden, bevor das wirkliche Selbst im Bewusstsein des Menschen zum Höchsten Selbst wird. Man hat behauptet, dass diese beiden Teile des Menschen während langer Zeiten nichts miteinander gemein gehabt hätten; es sind dies die spirituelle Seele und die Formnatur, aber sie sind (und hier liegt die Lösung des menschlichen Problems) durch das Denkprinzip ewig miteinander verbunden. In einem uralten Buche der Hindus, der Bhagavad Gita, lesen wir die folgenden, bedeutungsvollen Worte:

«Wer sein kleines Ich überwunden hat, der ist sein eigener Freund. für jenen

aber, der vom Selbst weit entfernt ist, ist sein kleines Ich ein böser Feind».

[*U28]

Und St. Paulus sagt in seinem verzweifelten Aufschrei praktisch dasselbe:

«Ich bin mir ja bewusst, dass in mir, das heisst in meinem Fleische, nicht das Gute wohnt. Der Wille zum Guten ist zwar da aber es fehlt am Vollbringen. ... Wenn ich das Gute tun will, liegt mir das Böse näher. Dem inneren Menschen nach habe ich zwar Freude am Gesetz Gottes. Aber ich nehme in meinen Gliedern ein anderes Gesetz wahr, das im Streite liegt mit dem Gesetz meines Geistes. Es macht mich zum Gefangenen unter dem Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern herrscht. Ich unglückseliger Mensch! Wer erlöst mich von diesem todgeweihten Leibe?» [*U29]

Dieses wirkliche Selbst ist Gott Gott, der Triumphator, Gott der Schöpfer, Gott der Erretter (Erlöser) des Menschen. Es ist mit den Worten des Hl. Paulus «Christus in uns, die Hoffnung auf Herrlichkeit»; dies wird in unserem Bewusstsein zur Tatsache und ist nicht nur eine ersehnte Theorie.

Meditation verursacht die Umwandlung unseres Glaubens in festgestellte Tatsachen und unserer Theorie in bewiesene Erfahrung. Die Behauptung des Hl. Paulus bleibt Begriff und Möglichkeit nur solange, bis durch Meditation das Christusleben erweckt ist und zum beherrschenden Faktor im täglichen Leben wird. Wir bezeichnen uns als göttlich und als Söhne Gottes. Wir wissen um jene, die ihre Göttlichkeit vor der Welt unter Beweis gestellt haben, die in den vordersten Reihen menschlicher Vollendung stehen und die für jene Vollkommenheiten, die über unsere Leistungsfähigkeit hinausgehen, Zeugnis ablegten. Wir nehmen in uns sowohl Bestrebungen wahr, die uns zu Erkenntnissen hintreiben, als auch innere Eingebungen, welche die Menschheit auf der Evolutionsleiter hinauf bis zur gegenwärtigen Stufe einer sogenannten gebildeten Menschheit getrieben haben. Ein göttlicher Drang hat uns von der Stufe des Höhlenbewohners bis zu unserer modernen Zivilisation geführt; vor allem aber wissen wir um jene, die eine Vision himmlischer Dinge an denen wir teilhaben möchten besitzen oder dies von sich behaupten, und die von einem direkten Weg in das Zentrum göttlicher Wirklichkeit Zeugnis geben, dem zu folgen sie uns nacheifern. Man sagt, dass es möglich sei, direkte Erfahrung zu erlangen, und dass der Grundton unserer modernen Zeit in die Worte: «Von der Autorität zur Erfahrung» zusammengefasst werden könne. Auf welche Weise können wir wissen? Wie können wir diese direkte Erfahrung erlangen, unabhängig von jeder Vermittlung? Die Antwort lautet, dass es eine von unzähligen Tausenden angewandte Methode und ein wissenschaftliches Verfahren gibt, das von Denkern aller Zeiten formuliert und angewandt wurde, wodurch sie Wissende wurden.

Der Erziehungsprozess hat seine Hauptaufgabe durch die Vorbereitung des Denkvermögens auf die Meditationstätigkeit vielleicht schon geleistet. Er hat uns ja gelehrt, dass wir einen solchen Apparat besitzen und er hat uns einige seiner Anwendungsmöglichkeiten aufgezeigt. Die Psychologen haben uns viel über unsere mentalen Reaktionen und instinktmässigen Gewohnheiten mitgeteilt. Jetzt muss der Mensch von seinem Instrument bewusst Besitz ergreifen und aus den Anfangsstadien des Erziehungsprozesses in jenen inneren Arbeitsraum hinübergehen, wo es möglich ist, für sich selber Gott als das Ziel aller Erziehung festzustellen. Wer sagt doch, die Welt sei kein Gefängnis, sondern ein geistiger Kindergarten, wo Millionen verwirrter Kinder Gott zu buchstabieren versuchten? Das Denkvermögen schickt uns bei unserem Bemühen, die Wahrheit herauszufinden, dahin und dorthin, bis der Tag kommt, an dem wir uns erschöpft in uns selbst zurückziehen und zu meditieren beginnen, um dann endlich zu Gott zu finden. Wie Dr. Overstreet sagt: «All unser ewiges Suchen findet dann seine Erklärung und seinen Sinn. Es ist Gott, der in uns selbst wirkt. Dann entdecken wir die beständigeren Werte oder, indem wir sie erschaffen, erheben wir Gott zum Gesetz unseres eigenen Lebens». [*U3]

Andererseits aber können wir Meditation als jene Methode definieren, durch die man die Herrlichkeit des entschleierten Selbstes in der Weise erreicht, dass man eine Erscheinungsform nach der anderen verwirft. Erziehung wird jedoch nicht nur in unseren Schulen und Universitäten erworben; die höchste Schule ist und bleibt die Lebenserfahrung selbst, und die Lektionen, die wir lernen, werden von uns selber dadurch verursacht, dass wir uns mit einer Reihe von Formen identifizieren Formen des Vergnügens, Formen jener, die wir lieben, Formen des Verlangens, der Erkenntnis die Liste ist endlos. Was sind aber Formen anderes als Ersatzmittel, die wir erschaffen und dann als Gegenstände unserer Verehrung hochhalten, oder als jene Ideen über Glück und Wahrheit, die andere erschaffen haben und denen wir endlos nachjagen, nur um darauf zu kommen, dass sie sich vor unseren müden Augen in Nebel auflösen? Wir suchen Befriedigung in Erscheinungsformen aller Art, nur um sie in Staub und Asche zerfallen zu sehen, bis wir jenes Etwas jenes Unfassbare und doch unendlich Wirkliche finden, das ihnen allen ihr Dasein verlieh. Wer alle Formen nur als Symbole der Wirklichkeit ansieht, ist auf dem rechten Wege, das unverschleierte Selbst zu erhaschen. Doch bedarf es dazu mentaler Fassungskraft und gelenkter Intuition. Vielleicht hatte

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Last updated Saturday, February 14, 1998           © 1998 Netnews Association. All rights reserved.