Netnews Homepage     Zurück     Vorwärts      Index      Inhaltsverzeichnis
Vom Intellekt zur Intuition, Seite 24 ff. (engl.)

Vielleicht sollten wir in der Umdrehung des grossen Lebensrades wieder zu den alten Methoden einer Spezialausbildung für das geeignete Individuum zurückkehren, was aber nicht das Aufgeben der Massenerziehung bedingt. Auf diese Weise könnten wir schliesslich die Methoden der Vergangenheit und des Ostens mit denen der Gegenwart und des Westens vereinigen.

Bevor wir auf diese beiden Methoden näher eingehen, wollen wir Erziehung zu definieren versuchen, uns ihren Zweck vor Augen halten und so unsere Vorstellungen über die angestrebten Ziele all unserer Bemühungen klären.

Das ist keine leichte Aufgabe. Erziehung kann von ihrer uninteressantesten Seite aus gesehen kurz als Übermittlung von Wissen an einen Studenten, gewöhnlich an einen unwilligen Studenten, erklärt werden, der eine Masse Wissen, das ihn nicht im geringsten interessiert, erhält. Nüchternheit und Trockenheit herrschen vor. Diese Art der Wissensdarbietung befasst sich nach unserem Empfinden hauptsächlich mit Gedächtnisschulung, mit der Mitteilung sogenannter Tatsachen und damit, dass dem Studenten einige Informationen über eine grosse Anzahl untereinander nicht verwandter Gegenstände gegeben werden. Die buchstäbliche Bedeutung des Wortes aber ist: «hinausführen» oder «herausziehen» und diese ist sehr aufschlussreich. Der dieser Idee zugrunde liegende Gedanke ist der, dass wir die dem Kinde innewohnenden Instinkte und entwicklungsfähigen Anlagen herausziehen sollten, um es aus einem Bewusstseinszustand heraus und in einen anderen, umfassenderen zu führen. Auf diese Art leiten wir z. B. Kinder, die bloss wissen, dass sie leben, in einen Zustand des Eigenbewusstseins; sie werden ihrer selbst und ihrer Gruppenbeziehungen gewahr; sie werden - besonders durch Berufsschulung - gelehrt, Kräfte und Fähigkeiten zu entwickeln, damit sie wirtschaftlich unabhängig und somit selbstständige Mitglieder der menschlichen Gesellschaft werden können. Wir nützen ihre Selbsterhaltungsinstinkte aus, um sie auf dem Pfad des Wissens zu führen. Kann man sagen, dass wir mit der Nutzbarmachung ihres Instinktapparates deshalb beginnen, um sie auf dem Weg des Intellekts zu führen? Vielleicht ist das der Fall, doch bezweifle ich, ob wir - wenn wir sie so weit gebracht haben - das gute Werk weiterführen und sie die richtige Bedeutung der Intellekt-Entfaltung als eine Schulung zur Auslösung der Intuition lehren. Wir unterweisen sie, Instinkt und Intellekt als Teil des Selbsterhaltungsapparates in der äusseren Welt menschlicher Angelegenheiten zu gebrauchen, die Anwendung der reinen Vernunft aber und die schliessliche Beherrschung des Denkvermögens durch die Intuition für die Selbsterhaltung und Kontinuität des Bewusstseins in den subjektiven und wirklichen Welten ist bis jetzt nur das bevorrechtigte Wissen einiger weniger Wegbereiter.

Wenn Professor H. Wildon Carr mit seiner Definition der Intuition recht hat, dann führen unsere Erziehungsmethoden nicht zu deren Entfaltung. Er definiert sie als «das direkte Erfassen der Wirklichkeit (Realität) an sich durch das Denkvermögen, also nicht in Form einer unbewussten Vorstellung, auch nicht als Idee oder Gegenstand einer Überlegung, denn diese letzteren betreffen nur das intellektuelle Begreifen». [*U12]

Wir betrachten die Wissenschaft des Denkens oder der Veränderungen des Denkprinzips (wie der Hindu es nennt) als ausgesprochen menschlich und zählen die instinktiven Reaktionen des Menschen zu den Eigenschaften, die er mit den Tieren teilt. Wäre es nicht möglich, dass die Wissenschaft der Intuition, die Kunst klarer synthetischer Vision, eines Tages zum Intellekt im selben Verhältnis stehen könnte wie dieser jetzt zur instinktiven Fähigkeit?

Dr. Dibblee von der Oxforder Universität macht über Instinkt und Intuition folgende interessante Bemerkungen, die hier am Platze sind, weil wir uns in diesem Buch für die Anerkennung einer Erziehungsmethode einsetzen, die zur Entwicklung einer höheren Wahrnehmung führen würde. Er sagt:

« ... Instinkt und auch Intuition beginnen räumlich gesprochen in den ausserhalb unseres Bewusstseins gelegenen Bereichen unseres Selbst, kommen aber gleichzeitig unerwarteter Weise in das Licht des Tagesbewusstseins hervor. ... Die Instinktimpulse und Eingebungen der Intuition entstehen vollkommen im Geheimen.

Wenn sie zum Vorschein kommen, sind sie notwendigerweise beinahe vollständig, und ihr Eintritt in unser Bewusstsein erfolgt plötzlich». [*U6]

An einer anderen Stelle fügt er hinzu, dass die Intuition auf der dem Instinkt entgegengesetzten Seite der Vernunft liegt. Wir haben hier also die interessante Dreiheit - Instinkt, Intellekt, Intuition - wobei der Instinkt sozusagen unter die Bewusstseinsschwelle gesunken ist, der Intellekt den ersten Platz in der Erkenntnis des Durchschnittsmenschen einnimmt und die Intuition über diesen beiden liegt; sie macht ihre Gegenwart nur gelegentlich in plötzlichen Erleuchtungen und im Erfassen einer Wahrheit bemerkbar, und das ist die Begabung unserer grössten Denker.

Sicherlich aber muss die Erziehung mehr umfassen, als bloss einen Menschen dafür tauglich zu machen, mit äusseren Tatsachen und mit einer tyrannischen Umwelt fertig zu werden. Die Menschheit muss nun aus dieser Einstellung heraus und in eine tiefere und umfassendere Zukunft und Wirklichkeit hineingeführt werden. Sie muss für alle kommenden Ereignisse und Möglichkeiten gewappnet sein, um daraus die höchsten und besten Resultate zu erzielen. Die menschlichen Anlagen sollten zu ihrer vollsten konstruktiven Ausdrucksmöglichkeit gebracht werden. Es darf keine genormte Leistungsgrenze geben, deren Erreichung sie selbstgefällig, selbstzufrieden und daher statisch machen würde. Die Menschen müssen stets aus niederen zu höheren Erkenntniszuständen geführt werden und ihre Wahrnehmungsfähigkeit muss sich ständig vergrössern. Ausdehnung und Wachstum ist das Gesetz des Lebens, und während die Masse der Menschen durch ein Erziehungssystem, das einer grösstmöglichen Anzahl das grösstmögliche Gute bringt, emporgehoben werden muss, muss dem Individuum sein volles Erbrecht zuerkannt und eine besondere Ausbildung ermöglicht werden, welche die Edelsten und Besten unter uns fördert und stärkt, denn in ihrer Vollendung liegt die Verheissung des Neuen Zeitalters. Die Geringeren und Zurückgebliebenen müssen aber ebenfalls eine besondere Schulung erhalten, damit auch sie den von den Erziehern festgesetzten hohen Durchschnitt erreichen können. Es ist aber sogar noch viel wichtiger, dass kein Mensch mit besonderer Begabung und Befähigung auf der gleichen niederen Stufe des Massendurchschnitts der gebildeten Klassen zurückgehalten werde. Gerade hier wird die Schwierigkeit ersichtlich, Erziehung zu definieren und es erhebt sich die Frage über den wirklichen Zweck und die wahren angestrebten Ziele. Dr. Randall erkennt dies klar in einem von ihm geschriebenen Artikel, in dem er sagt:

«Ich möchte empfehlen, Erziehung als eine für private Meditation mögliche Übung zu definieren. Jeder soll sich selbst fragen, was er unter "Erziehung" versteht; wenn er über diese Frage tief nachsinnt, wird er entdecken, dass er um sie zu beantworten die innerste Absicht und Bedeutung des Lebens selbst untersuchen muss. Ernsthaftes Nachdenken über Sinn und Bedeutung der Erziehung zwingt jeden dazu, sich mit den grundlegenden Lebensfragen wie nie zuvor vertraut zu machen. ... Ist Wissen das Ziel der Erziehung? Sicherlich ja; aber Wissen wozu? Ist das Ziel Macht? Wiederum ja; aber Macht zu welchem Zweck? Ist ihr Ziel soziale Neugestaltung? Die moderne Zeit antwortet hier mit Nachdruck ja; aber welcher Art soll diese Neuordnung sein und durch welche Ideale bestimmt? Dass Erziehung nicht auf blosses Wissen oder blosse Macht irgend welcher Art abzielt, sondern auf Wissen und Macht zu rechtem Gebrauch, ist dem fortschrittlichsten Pädagogen klar, obwohl dies von der öffentlichen Meinung noch nicht erkannt wird.

Die neue Erziehung sieht daher ihr grosses Ziel in der Schulung und Entwicklung des Individuums zu sozialen Zwecken, das heisst für den umfassendsten Dienst am Menschen.

Wir teilen Erziehung gewöhnlich in drei Klassen ein, in Volks-, Ober- und Hochschule. Diesen dreien möchte ich noch eine vierte Stufe, die Höchstschule hinzufügen. Die höchste Erziehung ist Religion, sie ist aber auch Erziehung». [*U13]

Es ist interessant, dass die gleichen Ideen auch von Bhagavan Das bei der ersten pan-asiatischen Erziehungskonferenz geäussert wurden. Er sagt:

«Die Regeln der Religion, d. h. der grösseren Wissenschaft, befähigen ... uns all dieser umfassenderen Schulden und Verpflichtungen zu entledigen. Religion ist als das Gebot oder die Offenbarung Gottes beschrieben worden. Damit sind - mit anderen Worten - nur die Naturgesetze Gottes gemeint, die von Sehern und Wissenschaftlern aller Religionen und Nationen durch verstandesmässige, intuitive und inspirierte Arbeiten und Forschungen entdeckt wurden. Wir haben von den drei R's (reading, writing, arithmetic = Lesen, Schreiben, Rechnen) lange genug gehört. Dieses vierte R, das unverfälschter Religion, ist wichtiger als alle anderen. Das muss aber entdeckt und sorgfältig durchdacht werden. Es obliegt allen aufrichtigen Erziehern, an diesem Werk durch Anwendung der wissenschaftlichen Methode mitzuarbeiten, also inmitten der Verschiedenheiten die Übereinstimmung festzustellen». [*U14]

Der Osten und auch der Westen scheinen zu empfinden, dass ein Erziehungssystem, das den Menschen nicht schliesslich aus der Welt menschlicher Belange in das erweiterte Bewusstsein geistiger Dinge führt, seine Mission verfehlt hat und dem hochfliegenden Verlangen der menschlichen Seele nicht gerecht zu werden vermag. Einer Schulung, die beim Intellekt abbricht und die Fähigkeit unbeachtet lässt, Wahrheit intuitiv zu erfassen, wie es die besten Denker dartun, mangelt viel. Wenn sie ihre Studenten mit einem abgeriegelten, statischen Denkvermögen entlässt, dann mangelt ihnen die Ausrüstung zur Erreichung des Immateriellen und der feinsten «Vier Fünftel des Lebens», die, wie Dr. Wiggam meint gänzlich ausserhalb des Bereiches wissenschaftlicher Erziehung liegen». [*U15]

Das Tor muss jenen geöffnet werden, die über die akademische Schulung des Denkens mit Beziehung zum äusseren Leben hinausgehen können.

Der Zukunftserfolg der Menschheit hängt vom Erfolg jener Individuen ab, welche die Fähigkeit zur Vollbringung grösserer weil geistigerer Dinge besitzen. Diese Einzelmenschen müssen entdeckt und zum Eindringen in das Reich des Unkörperlichen ermutigt werden. Sie müssen gefördert und geschult werden und eine Erziehung erhalten, die dem Höchsten und Besten, das in ihnen ist, entspricht. Eine solche Erziehung verlangt ein genaues Erkennen des individuellen Wachstums und der erreichten Stufe, sowie ein richtiges Verständnis für den nächsten Schritt im gegebenen Falle. Sie verlangt Einsicht, Sympathie und Verständnis von Seiten des Lehrers.

Unter den Erziehern erkennt man immer mehr die Notwendigkeit, die fortschrittlicheren Erziehungsprozesse auf ein höheres Niveau zu bringen, um dadurch die ihrem Einfluss Unterstellten aus dem Bereich des rein analytisch-kritischen Denkens in das der reinen Vernunft und der intuitiven Wahrnehmung emporzuheben. Bertrand Russell führt aus, dass «Erziehung nicht auf ein passives Gewahrwerden toter Tatsachen, sondern auf eine Aktivität abzielen sollte, die sich auf die durch unsere Anstrengungen zu erschaffende Welt richtet». Wir müssen uns aber klar sein, dass schöpferische Tätigkeit einen lebendigen und wirksamen Schöpfer voraussetzt, der zielbewusst handelt und schöpferische Vorstellungskraft gebraucht. Kann man sagen, dass unser modernes Erziehungssystem ein solches Ergebnis bringt? Wird nicht das Denken durch unser Massensystem und die Methode, das Gedächtnis mit schlecht verdaulichen Tatsachen vollzustopfen, genormt und niedergehalten? Wenn Herbart mit seiner Behauptung, dass «die Hauptaufgabe der Erziehung die ethische Erschliessung des Universums sei», recht hat, dann hat vielleicht Dr. Moran ebenso recht, wenn er darauf hinweist, «dass eine der unserem materialistischen Zeitalter zugrunde liegenden Ursachen - und vielleicht die grösste der Mangel des geistigen Elements in unserer formalen Erziehung sei».

Manche von uns haben auch das Empfinden, dass es ein noch weiterreichendes Ziel als das ethischer Enthüllung gibt; und dass die Menschheit möglicherweise Verwahrer einer Erleuchtung und Herrlichkeit ist, die in ihrer Fülle erst dann erkannt und verwirklicht werden wird, wenn die Massen etwas von jener Grösse erlangt haben, die für die Vorbilder der Vergangenheit kennzeichnend war. Besteht das wahre Ziel der Erziehung in Übereinstimmung mit der evolutionären Entwicklung nicht darin, die Menschheit aus dem vierten oder Menschenreich in das geistige Reich zu führen, wo die Pioniere, die wir Mystiker nennen, und die Vorbilder der Menschheit leben, sich bewegen und ihr Dasein haben? Auf diese Art wird die Menschheit aus der objektiven materiellen Welt in das Reich des Geistes aufsteigen, wo wahre Werte zu finden sind und wo ein Kontakt mit jenem höheren Selbst erreicht wird, das zu offenbaren der einzige Daseinszweck des individuellen Selbstes ist. Keyserling deutet dies mit folgenden Worten an:

«Wir kennen die Grenzen menschlicher Vernunft; wir verstehen Sinn und Bedeutung unseres Ringens und Strebens; wir beherrschen die Natur. Wir können die innere und die äussere Welt gleichzeitig überblicken. Da wir unsere wirklichen Absichten wissenschaftlich bestimmen können, brauchen wir nicht mehr die Beute von Selbsttäuschung zu werden. ... Von nun an muss diese Möglichkeit zum

Netnews Homepage     Zurück     Vorwärts      Index      Inhaltsverzeichnis
Last updated Saturday, February 14, 1998           © 1998 Netnews Association. All rights reserved.